
Ein gutes Buch ist wie ein gutes Lied. Man kann es nicht nur ein Mal geniessen. Man liest es ein zweites, manchmal auch drittes Mal (wenn es sich doch nur so leicht konsumieren liesse, wie ein 4min.song!), weil man das Gefühl wieder erleben will, das es in einem auslöst.
Mir ist es im Leben sehr oft passiert, dass mich Bücher berührt, bewegt, erschüttert, belehrt haben. Als Kind habe ich unendlich viel vorgelesen bekommen und ich habe unendlich viel gelesen, woher sicher auch meine Liebe zur Sprache erwachsen ist. Dann habe ich das Lesen vernachlässigt. Ich habe, getrieben von innerer Unruhe, oft die ersten 20 Seiten überflogen und unkonzentriert Sätze wiederholt lesen müssen, bis ich dann doch, willensschwach, der Versuchung der leichten, drögen Unterhaltung des Internet oder TV nachgab.
Lesen kann man verlernen. Davon bin ich überzeugt, weil es mir passiert ist. Aber wenn ich eines mit Sicherheit weiss, dann auch, dass es nur eines einzigen Satzes bedarf, um wieder genau dorthin zu gelangen, wo man einst aufgehört hatte.
Dieser eine Satz war vor ein paar Jahren dieser Satz:
“An einem eiskalten, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde ich - im Alter von zwölf Jahren - zu dem, der ich heute bin.”
Der erste Satz von Khaled Hosseinis Debutroman “Drachenläufer” leitete eine Geschichte ein, die mich, so geschwollen und dramatisch es sich anhören mag, VERÄNDERT hat. Weil ich Dinge verstehe, weil mir Worte angeboten wurden, um Gefühle zu benennen, die ich vorher nicht beschreiben konnte.
Es ist die Geschichte des afghanischen Jungen Amir, die Geschichte einer Freundschaft, eines grossen Verrats, der Schuldgefühle und die Geschichte des unendlichen Leides Afghanistans und wohl ein Synonym für alle anderen kriegsgebeutelten Regionen der Erde. Und es ist eine Geschichte über Vaterliebe.
In dieser Woche habe ich dieses Buch zum dritten Mal gelesen. Das Schöne am Lesen, genau wie der Musik und anderen Künsten, ist die Berechtigung zur SUBJEKTIVEN WAHRNEHMUNG. Warum ich dieses Buch so liebe, warum ich es nach dem Lesen nicht nur zuklappe, sondern fast behutsam in den Händen halte, warum ich sogar schon den Buchdeckel heimlich geküsst habe, kann ich wirklich nur mit meinen ganz EIGENEN Gefühlen erklären.
Afghanen sprechen die Sprach meiner iranischen Eltern. Sie sprechen Farsi, in einem abgeänderten Dialekt. Reden sie schnell und undeutlich kann ich sie kaum verstehen (ähnlich wie ein Berliner einen Bayer
) , aber geschriebene Worte sind die gleichen. Auch in der deutschen Übersetzung des Buches werden viele Sprichworte, Redewendungen, Spitznamen, Flüche und Namen beibehalten, sodass sich in mir in Teilen das Gefühl einstellte, ich würde meinen Verwandten zuhören. Die Bildhaftigkeit der Sprache ist wohl ebenfalls eine Eigenschaft, die der Literatur der Region des Nahen Ostens nachgesagt werden kann. Wie es Hosseini gelingt, Situationen des grössten emotionalen Konfliktes fast fotographisch detailliert in Worten zu beschreiben, sodass einem das Blut in den Adern gefriert, dass man sich dabei erwischt, den Atem angehalten zu haben, sucht wirklich seinesgleichen. Das die im Buch beschriebene Ungerechtigkeit sich in mir beim Lesen praktisch PHYSISCH bemerkbar macht, lässt mich wohl- masochistischerweise- immer wieder zu diesem Buch greifen, ungläubig, dass es mir auch beim dritten Mal wieder so zusetzen würde. Aber dem ist so.
Entscheidend für meine Wahrnehmung ist das Gefühl, dass mich die Art der Liebe, die Art der Gefühlsäusserungen des Romans an die Liebe meiner Eltern erinnert. Dass die Geschichte vom Verlust einer Heimat, das Zurücksehnen an einen Ort, der so wie er war, nicht mehr existiert und die damit verbundene Melancholie etwas ist, was ich mit meiner Muttermilch aufgesogen zu haben scheine und was mir die Augen meines Vaters in manchen Stunden ohne ein Wort zu erzählen versuchen.
Ein zerstörtes Afghanistan gleicht einem zerstörten Iran, einem zerstörten Bosnien-Herzegowina, einem zerstörten Tschetschenien. Wie auch immer die Zerstörung zustande gekommen sein mag und ich welcher Form sie auch immer Ausdruck gefunden hat, die Geschichten bleiben die gleichen. Von Kratern in der Erde von Srebrenica wo einst die Kirche stand, in der sich die Grosseltern das Jawort gaben. Von hohen Gefängnismauern in Teheran, hinter welchen gefoltert wird, auf dem selben Grundstück, wo einst die Grundschule meines Vater stand. Oder, wie im “Drachenläufer”, ein Fussballfeld, auf welchem ein Liebespaar öffentlich hingerichtet wird, wo einst Amir und sein Freund Hassan ihre Drachen steigen liessen.
Mein Vater ist gestern in Rente gegangen. Mit 65. Er ist mit Anfang 20, mit meiner Mutter und meinem 1-jährigen Bruder nach Deutschland gekommen, um seiner Familie eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Er hat seine Eltern zurückgelassen. Er hat soviel getan. Und er ist alt geworden. Manchmal nimmt er das Leben schwer, dann denkt er gescheitert zu sein, ist geplagt von Dingen, die er denkt ANDERS oder BESSER gemacht haben zu müssen. Und dann muss man ihn lassen und dann ist er mit einem Mal stolz. Auf meinen Bruder, den wunderbaren Dr. Shakeri. Sein Junge. Und sogar auf mich, das Küken. Sein “Juju”. Das Musik macht. Und so lange durchhält bis ihr Album endlich kommt.
Und am meisten darauf, dass er irgendwie geschafft hat, dass die, in seinen Augen “schönste Frau der Welt” nach 40 Jahren noch immer nicht von seiner Seite weicht und verliebt in ihn ist. Irgendwann und ich glaube, es dauert nicht mehr lang, will ich seine und ihre Geschichte erzählen. Ich will ein Buch schreiben und ich weiss, dass die Worte und Gedanken dafür täglich in mir heranreifen.
Ich habe ihn gestern abend aus Spanien, wo ich gerade zum texten hingefahren bin, angerufen. Ich hatte so viel zu sagen. Und das Wichtigste habe ich gesagt:
Du hast alles richtig gemacht. Du bist mein Baba..Mein Babajoon. Ich danke dir. Für jeden Tag.
Und wie im “Drachenläufer” hat er sinngemäss auf Farsi zu mir gesagt:
“Für dich-tausendmal.”